Gehaltsverhandlung für Berufseinsteiger

Die erste Gehaltsverhandlung im Berufsleben fühlt sich für viele Berufseinsteiger:innen unangenehm an – zu wenig Erfahrung, zu wenig Vergleichswerte, zu viel Angst, als gierig zu wirken. Dabei hat gerade diese erste Verhandlung überdurchschnittlich große Wirkung auf die eigene finanzielle Zukunft: Das Einstiegsgehalt beeinflusst häufig auch spätere Gehaltsrunden, weil viele Erhöhungen prozentual auf dem bestehenden Gehalt aufbauen – ein Muster, das sich über Jahre bemerkbar macht.

Warum die erste Verhandlung besonders wichtig ist

Wer beim Berufseinstieg ein niedrigeres Gehalt akzeptiert, als eigentlich marktüblich wäre, trägt diesen Nachteil oft über Jahre mit sich – nicht, weil spätere Verhandlungen unmöglich wären, sondern weil viele Gehaltserhöhungen prozentual auf dem aktuellen Gehalt berechnet werden. Ein niedrigerer Startpunkt bedeutet damit auch bei gleichen prozentualen Erhöhungen langfristig ein niedrigeres Gehaltsniveau. Dieser Effekt summiert sich über mehrere Jahre hinweg zu einem Unterschied, der weit größer ausfällt, als es die einzelne Verhandlung zunächst vermuten lässt.

Die eigene Gehaltsvorstellung realistisch vorbereiten

Marktübliches Gehalt recherchieren Gehaltsvergleichsportale, Berichte von Berufsverbänden und Gespräche mit Personen in ähnlichen Positionen liefern eine realistische Bandbreite. Wichtig dabei: nach Branche, Unternehmensgröße und Region filtern, da diese Faktoren das Gehaltsniveau erheblich beeinflussen.

Eigene Bandbreite statt einer einzelnen Zahl Eine realistische Unter- und Obergrenze zu kennen, statt sich auf eine einzige Wunschzahl festzulegen, gibt in der Verhandlung selbst mehr Flexibilität und Sicherheit.

Den Ankereffekt bewusst nutzen Wie im Artikel „Der Ankereffekt beim Geldausgeben“ beschrieben, beeinflusst die zuerst genannte Zahl in einer Verhandlung häufig den gesamten weiteren Rahmen. Wer selbst eine gut recherchierte, realistische Zahl zuerst nennt, hat oft einen strategischen Vorteil gegenüber dem Warten auf ein Angebot der Gegenseite.

Häufige Fehler bei der ersten Gehaltsverhandlung

Zu früh eine konkrete Zahl nennen, ohne recherchiert zu haben. Eine unrealistische erste Zahl – egal ob zu niedrig oder unrealistisch hoch – schwächt die eigene Verhandlungsposition von Anfang an und lässt sich im weiteren Gespräch nur schwer korrigieren.

Nur über das Grundgehalt sprechen. Zusatzleistungen wie flexible Arbeitszeiten, Weiterbildungsbudget, Urlaubstage oder Homeoffice-Regelungen haben ebenfalls einen finanziellen Wert und lassen sich mitunter leichter verhandeln als das Grundgehalt selbst.

Sich rechtfertigen statt argumentieren. Eine Gehaltsvorstellung mit der eigenen finanziellen Situation zu begründen („Ich brauche das Geld, weil…“) wirkt schwächer als eine Begründung über den eigenen Marktwert und die eigene Qualifikation – Personalverantwortliche entscheiden auf Basis von Wert, nicht von Bedürftigkeit.

Das erste Angebot sofort annehmen. Viele Unternehmen kalkulieren beim ersten Angebot bereits einen gewissen Verhandlungsspielraum ein. Ein erstes Angebot ist selten automatisch das letzte mögliche.

Wie ein Verhandlungsgespräch konkret ablaufen kann

1. Eigene Qualifikation und Marktwert klar benennen Konkrete Fähigkeiten, relevante Praktika oder Studienschwerpunkte, die für die Position besonders relevant sind, aktiv ansprechen.

2. Eine begründete Zahl nennen Statt einer vagen Angabe eine konkrete Zahl nennen, die auf der eigenen Recherche basiert – das wirkt vorbereitet und selbstbewusst.

3. Auf das Angebot reagieren, nicht sofort zustimmen Ein kurzes „Ich würde gerne noch einmal darüber nachdenken“ ist ein legitimer, oft unterschätzter Schritt – sowohl bei einem zufriedenstellenden als auch bei einem enttäuschenden Angebot.

4. Gesamtpaket statt Einzelposition betrachten Wenn beim Grundgehalt wenig Spielraum besteht, lohnt sich der Blick auf das Gesamtpaket – zusätzliche Urlaubstage, Weiterbildungsbudget oder flexible Arbeitszeiten können den fehlenden finanziellen Spielraum teilweise ausgleichen.

Was, wenn die Verhandlung nicht zum gewünschten Ergebnis führt?

Nicht jede Verhandlung endet mit der gewünschten Zahl, und das ist kein persönliches Versagen. Sinnvoll ist es, in diesem Fall konkret nachzufragen, wann ein erneutes Gehaltsgespräch realistisch möglich ist – etwa nach der Probezeit oder nach einem festgelegten Zeitraum. Das verwandelt eine enttäuschende Verhandlung in einen konkreten nächsten Schritt, statt das Thema unbestimmt offen zu lassen.

Wo sich seriöse Gehaltsdaten finden lassen

Neben dem Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit liefert auch das Tarifarchiv des WSI (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut) unabhängige, nicht-kommerzielle Gehaltsdaten nach Branche und Tarifbindung. Wer sich auf mehrere unabhängige Quellen statt nur eine einzelne stützt, bekommt ein deutlich robusteres Bild der eigenen realistischen Bandbreite als bei Verlass auf eine einzelne Quelle.

Der Wert eines kurzen Probelaufs

Wer sich unsicher fühlt, kann die eigene Argumentation vorab in einem lockeren Rahmen durchspielen – etwa mit einer Freundin oder einem Freund, die oder der einfach ein paar naheliegende Rückfragen stellt. Dieser kurze Probelauf wirkt oft überraschend stark, weil ein Satz, der im Kopf schlüssig klingt, laut ausgesprochen manchmal holprig wirkt – dieser Unterschied fällt vorher auf, nicht erst im eigentlichen Gespräch mit den echten Konsequenzen.

Verhandeln als trainierbare Gewohnheit, nicht als Talent

Ein verbreiteter, aber wenig hilfreicher Glaubenssatz lautet, manche Menschen könnten einfach gut verhandeln und andere nicht. Tatsächlich lässt sich Verhandlungssicherheit wie jede andere Gewohnheit trainieren – durch Wiederholung, nicht durch angeborenes Talent. Wer sich vor jedem Gespräch bewusst wenige Minuten Zeit nimmt, um die eigene Argumentation laut durchzugehen, baut über mehrere Gelegenheiten hinweg eine Routine auf, die beim nächsten Mal spürbar leichter fällt – die erste Verhandlung ist fast immer die unangenehmste, nicht, weil sie objektiv schwerer wäre, sondern weil die Übung fehlt.

Die wichtigsten Punkte auf einen Blick

  • Das Einstiegsgehalt wirkt oft über Jahre nach, weil spätere Erhöhungen häufig prozentual auf dem aktuellen Gehalt basieren.
  • Eine realistische, recherchierte Gehaltsbandbreite gibt mehr Sicherheit als eine einzelne Wunschzahl.
  • Wer selbst zuerst eine gut begründete Zahl nennt, nutzt den Ankereffekt zum eigenen Vorteil.
  • Zusatzleistungen und das Gesamtpaket sollten mitverhandelt werden, nicht nur das Grundgehalt.
  • Das erste Angebot ist selten automatisch das letzte mögliche – Nachfragen und kurzes Bedenken sind legitim.

Bereite dich strukturiert auf deine erste Verhandlung vor

Eine gute Vorbereitung ist der wirksamste Hebel für ein besseres Ergebnis – unabhängig von Verhandlungserfahrung. Bereite deine erste Gehaltsverhandlung mit Climb vor.


Quellen

  1. Bundesagentur für Arbeit, Entgeltatlas zu branchen- und regionsspezifischen Gehaltsdaten
  2. Tversky, A. / Kahneman, D., Forschung zum Ankereffekt in Verhandlungssituationen
  3. WSI Tarifarchiv, Hans-Böckler-Stiftung, unabhängige Tarif- und Gehaltsdaten

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